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Ich bin ein "Star"

Autor: Monique | Datum: 09 Februar 2014, 08:33 | 1 Kommentare

(wie komm ich da nur wieder raus?)

Kleine Kinder begrüßen mich morgens auf dem weg zur Arbeit. Sie wollen mir meistens unbedingt die Hand schütteln, und sind jedes Mal von Neuem fasziniert mich zu sehen.
Die ganz Jungen umarmen mich, oft auf Anweisung ihrer Eltern.

Ich laufe die Straße entlang und niese. Ein Fremder wünscht mir Gesundheit, dann bleibt er noch kurz zum Smalltalk stehen, und fragt, wie es mir geht.

Egal was ich tue, und wo ich hingehe, selten bleibe ich unbemerkt. Stets scheint eine Besondere Aufmerksamkeit auf mir zu liegen, und auch wenn ich nicht immer direkt angesprochen werde, so spüre ich, wie ich Blicke auf mich ziehe.

Manchmal werde ich bevorzugt behandelt. Wie das eine Mal im Bus von Kigeme nach Nyamagabe, der eigentlich schon voll war. Gäste wurden hinaus gerufen, ich kam hinein und alle anderen wieder hinter her. Eine Frau die vor mir im Bus gesessen hatte, saß nun fast auf dem Schoß eines Mitfahrers, worüber sie nicht sehr glücklich war, verständlicherweise. Mein „kein Problem, ich kann auch warten“, ging entweder unter, wurde nicht verstanden, oder bewusst ignoriert. Auf der Fahrt ließ sich die Frau darüber aus, warum die Weiße sich denn kein Mototaxi hätte nehmen können. Das traf mich. Doch ich konnte ihren Ärger verstehen.

Weil ich weiß bin, geben mir manche Menschen den Vorzug. Man geht mit mir teilweise fast wie mit einer Berühmtheit, und ich genieße Sonderbehandlungen.

Ein Moment auf der Arbeit: der Wischmopp war einfach in meiner Hand, der Albernheitslevel gefährlich hoch, und ehe ich mich versah, tanzte ich in der Küche und sang hinein. Alle Jungs fingen an zu lachen, aber keiner lachte mich aus, sie stiegen im Gegenteil alle mit ein.

Es ist wie verhext. Egal was ich tue, es scheint nie zu albern oder zu peinlich oder zu merkwürdig zu sein, sondern immer witzig und cool.

An manchen Tagen im Projekt kann ich keine 10 Meter gehen, ohne dass mir auf einmal ein Pulk von Jungs an den Lippen hängt. Ich soll etwas vorsingen, soll was (über Deutschland) erzählen, soll Fragen zu allen möglichen Dingen beantworten.

Was ich sage, wird stets für bare Münze genommen. Wenn ich mal eine Englischvokabel nicht kenne (was wirklich oft vorkommt), dann sind alle erstaunt. Ebenso, wenn ich auf eine Frage keine Antwort weiß.
Nahe zu Alles was ich mache ist „toll“. Ich selbst total mutig, weil ich hier bin, und „das mache.“


Ich sehe mich als Gast in diesem Land. Die Arbeit die ich leiste ist nicht weltverändernd. Alles was sich ändert bin ich, und das liegt nicht an der Arbeit die ich verrichte, sondern an dem Land und seinen Menschen, deren Ansichten, Vorstellungen und Weltbild mich gerade prägen.

Ich bin Gast, ich bin eine Fremde, ich bin Exotin.
Die Aufmerksamkeit ist mir sicher. Das kann manchmal einfach nur anstrengend sein. Und einengend. Und ab und an ein Kraftakt. Doch aus dieser Aufmerksamkeit erwächst auch Verantwortung.

Ich bin Botschafterin und Repräsentantin.
Wie ich mich in der Öffentlichkeit gebe, was ich erzähle über mein Land, wie ich die Menschen behandle die mich mit dieser mir doch unangenehmen Aufmerksamkeit bedenken, das fällt auf mich zurück. Und es bleibt in Erinnerung. Wenn ich mich gut verhalte, wenn ich den Menschen die positiv gemeinte Aufmerksamkeit zurückschenke, dann trage ich etwas zu ihrem Bild einer/eines Weißen bei. Ebenso geschieht das, wenn ich mich unhöflich verhalte, jemanden vor den Kopf stoße. Ich habe also in der Hand, was Leute von mir und meinem Land denken.

Ich bin Spiegel meiner Gesellschaft.
Und auch wenn der Gedanke an diese bei manchen Ruandern Vorstellungen und Bilder weckt, mit denen ich mich nicht identifizieren kann, so kann ich nicht bestreiten, dass viele von ihnen in unserer Gesellschaft existieren. Aber ich kann auch andere Vorstellungen erzeugen, neue Fragmente, Einzelheiten und Themen die in meiner Gesellschaft, (die mich geprägt hat, ob ich mich nun mit ihr identifizieren mag oder nicht) eine Rolle spielen. Ich kann das Bild erweitern, ändern, beleuchten.

Durch die positive Aufmerksamkeit, die manchmal Privatssphäre raubt, erhalte ich eine Bühne, die Ausländern in anderen Ländern in diesem Format nicht geboten wird. Auf dieser Bühne stehe ich. Und egal ob ich es nun mag oder nicht, es ist eine Chance, die viele nicht erhalten werden. Die Chance sollte ich nutzen, auch wenn mir das selbst immer schwer fällt. Oft liegt da schon eine ruppige Antwort auf der Zunge. Man hat irgendwas vor, keine Zeit, ist gestresst.
Ich versuche, das an mir zu ändern, ab und zu bin ich erfolgreich. Ab und zu bereuhe ich es auch, weil es anstrengend sein kann. Aber ich versuche, es trotzdem weiter. Und mache mich auf dieser Bühne. Denn es ist etwas Besonderes: die Chance mich zu erklären, Vorstellungen zu prägen, und Urteilen eine neue Betrachtungsweise zu schenken. Nicht nur denen anderer, sondern auch meinen.

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