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Und auf einmal wird "Reichtum" etwas, für das man sich (beinahe?) schämt...

Autor: Monique | Datum: 08 Mai 2014, 21:19 | 1 Kommentare

Hallo, mein Name ist Monique. Ich bin 20, habe gerade erst die Schule beendet, und nicht studiert.
Ach ja, ich verdiene übrigens mehr als 100.000 im Monat.


„Denkst du, ich schmeiß mein Geld aus dem Fenster?“ „Mensch, eigentlich habe ich gar nicht sooo viel Geld.“ „Das ist auch für mich ganz schön teuer.“ Sätze, die ich mich in den letzten Monaten oft sagen höre. Und, gefühlt erst seit Kurzem, eine neue, ziemlich rechthaberisch klingende Stimme in meinem Kopf. „Doch eigentlich verdienst du schon recht viel.“ „Arm wirst du aber auch nicht, wenn du dir das kaufst.“ ...die Stimme hat recht. Ich lebe hier sehr gut, mir steht genug Geld zur Verfügung, und ich kann mir durchaus viel leisten, (davon manchmal auch viel Überflüssiges wie ich im Nachhinein feststellen muss).
Das würde ich aber einer Ruanderin nie so offen sagen. Die größte Auskunft über mein Einkommen ist ein „Ich komme damit aus, und kann mir mal was gönnen.“ Denn ich möchte nicht in ein Bild der "typischen" Weißen passen, die im Luxus schwelgt, und mit Geld um sich werfen kann.
Trotzdem kann ich nicht leugnen, dass ich „reich“ bin. Da hilft es nichts, mich zu rechtfertigen, dass mein Geld in Deutschland lächerlich wenig wäre. Ich bin nicht in Deutschland, sondern in Ruanda, und in Ruanda ist es mit meinem Gehalt gut um mich bestellt.

Reichtum ist eigentlich etwas, wonach die meisten Menschen die ich kenne sich sehnen, und was sie nicht verheimlichen. Und ich rede jetzt von der deutschen Gesellschaft. Wenige sagen geradeheraus: „Ey ich will mal stinkreich sein, Porsche, dickes Haus, Ferienvilla auf Malle.“ Doch wir streben „finanzielle Sicherheit“ an. Es beginnt schon mit der Studienwahl. Viele machen sich Gedanken um ihr späteres Gehalt, und ob es reichen wird, sich ihre (nicht nur) materiellen Ziele und Wünsche zu erfüllen. Wunschstudiengänge werden verworfen, weil sie „später mal“ nicht genug einbringen. Man spart und knausert und zahlt ein und aus. Niemand möchte in einer unsicheren finanziellen Lage leben, das ist auch in Ordnung und verständlich.

Genauso geht es meinen Freundinnen und Bekannten in Ruanda. Auch hier werden diese (nicht nur) materiellen Wünsche immer definierter und stärker: ein eigenes Haus/Wohnung, ein Auto, einen Laptop. (Zwei dieser drei Dinge besitze ich schonmal, auch wenn die Wohnung nicht meine Eigene ist, sondern gemietet. (Der Laptop fast auch.)) Dann natürlich Geld um eine Familie zu ernähren. Geld für Kleider, Aktivitäten, Nahrungsmittel. Sparen, knausern, ein- und auszahlen.

Ich lebe "von einem Tag in den anderen", und hatte bisher noch nie richtige Geldprobleme, oder musste für eine Anschaffung lange sparen. Das ist wirklicher Luxus.
Und irgendwie unangenehm.

Unter anderem weil ich aus Deutschland nicht gewohnt bin, t zu diesen gutverdienenden Menschen zu gehören, die luxuriös leben, es nicht gewohnt bin „reich“ zu sein, und so auch gesehen zu werden. Ich war in Deutschland einfach „normal“, „Jenny from the blog“. Nichts Besonderes. Ich habe die gleichen Produkte wie andere Menschen in meinem Umfeld konsumiert, ähnliche Klamotten gekauft, hatte ähnliche Freizeitaktivitäten. An meinem Lebensstil hat sich hier nicht viel geändert. Ich kaufe immer noch gerne Kokosmilch für eine gute Sauce zu Reis, oder eine Tafel Schokolade zum naschen, und ohne Kaffee komme ich morgens eben nicht so gut aus dem Bett. Der Unterschied ist, dass das hier meist genau so teuer wie in Deutschland ist, und dass viele Menschen es sich nicht oft oder gar nicht kaufen, weil andere Dinge wichtiger sind. Das ist mir bewusst, und ich finde es schwierig eine gute Balance zu finden zwischen „sinnlos Geld ausgeben“ und „mir selbst auch mal was Gutes tun.“ bzw. zu bestimmen welche Dinge zu einem Alltag gehören und welche wirklich luxuriöse Produkte sind. Es ist teilweise schwer zu definieren, was zu viel ist, wo mein Konsum für andere absolut unverständlich wird.
Gleichzeitig fällt es mir total schwer, auf solche Dinge wie bestimmte Nahrungsmittel zu verzichten, und mehr als einmal denke ich mir „Das kannst du dir jetzt aber gönnen, auch wenn es teuer ist.“

Auf der anderen Seite lasse ich nie öffentlich heraushängen, was ich mir alles kaufe, weil ich weiß, dass es das Bild der reichen Weißen bestätigen würde, und das beschämt mich. Weil Ruanderinnen, die so viel verdienen wie ich, in der Regel mehr arbeiten, voll ausgebildet sind und/oder studiert haben. Ich aber bin 20, hab nie eine Uni von innen gesehen, bin Freiweillige, und bin „reich“.
Dieser Luxus, oder Wohlstand, nach dem sich eigentlich jeder sehnt, wird auf einmal etwas unangenehmes, wenn ich in meinem Umfeld eine der wenigen meiner Art (jung, ungelernt) bin, die ihn genießen dürfen. Dann wird er etwas, für das ich mich quasi schäme und das ich verstecke - auch wenn ich weiß, dass ich es nicht muss.

Irgendwie hat dieses "Schamgefühl" dennoch etwas Gutes. Ich überlege öfter Mal „Brauch ich das jetzt wirklich“ und entscheide dann öfter mal, dass ich es überhaupt gar nicht wirklich brauche. Ich überlege, wie ich mit meinem Geld umgehe, was ich mir dann doch mal gönne, und was überflüssig ist. Oder ob es nicht doch was gibt, wofür ich sparen und knausern mag. Auch wie ich anderen eine Freude machen kann, ob es die Tafel Schokolade ist, die zwar total teuer war, aber geteilt durch drei auch drei mal so gut schmeckt, oder eine neue Packung Buntstifte für die Jungs. Finanzielle gut da stehen heißt auch, dass ich vor anderen gut da stehen kann, in dem ich olle weiße Freiwillige an sie denke, wenn ich mich mal wieder frage: „Zu welchem Fenster schmeiß ich denn nun mein Geld raus?“

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