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Mein Land (in Ermangelung eines besseren Titels)

Autor: Monique | Datum: 14 Mai 2014, 18:57 | 0 Kommentare

Die Reaktionen die ich als Freiwillige auf meine Arbeit erhalte sind fast immer positiv, so wohl von Deutschen, als auch von Ruandern. „Toll, dass du das machst, dich das traust.“ „Toll, dass du den Willen hast zu 'helfen'.“ Doch fast immer ist nicht immer. Ich möchte euch von einer Begegnung erzählen, und was sie für Gedanken in mir geweckt hat.

Irgendwie ist heute nicht mein Tag. Ich bin unmotiviert, müde und möchte mich verkriechen. Doch da die Chorpobe ruft raffe ich mich auf, um vorher noch einzukaufen und Geld wechseln zu gehen. Ich laufe in der Stadt die Straße entlang. Mich spricht ein Mann an. Erst hält er netten Smalltalk, doch ich meine schon zu wissen, worauf das hinausläuft und reagiere von Anfang an eher abweisend. Und ich habe Recht, er fragt mich nach Geld. Ich sage Nein. Er fragt Warum, und möchte anscheinend eine Diskussion beginnen. Darauf habe ich keine Lust und bitte ihn, zu gehen. Ich bilde mir ein, höflich und ruhig zu klingen, vielleicht mit genervtem Unterton, weil ich darauf gerade heute nicht wirklich Lust habe. Vielleicht ist es wirklich meine Einbildung. Was er sagt trifft mich wie ein Schlag:
„Ich gehe nicht, du solltest gehen. Ich bin in meinem Land.“ Und das ausgerechnet heute. Ich ziehe stumm weiter, und bemühe mich, mich zusammen zu reißen.

Gleichzeitig kann ich nicht umhin, ihm in Gedanken einzuräumen, dass er nicht absolut im Unrecht ist. Was mache ich eigentlich hier? Was gibt mir das Recht, als ungelernte Kraft in ein fremdes Land zu kommen, und dort in einer Position zu arbeiten, für die ich nicht ausgebildet bin?
Für manche Ruander besitze ich dieses Recht (zum Beispiel zu unterrichten, ohne studiert zu haben, ohne, dass die Richtigkeit meiner Aussagen angezweifelt wird) aufgrund meiner weißen Hautfarbe. Diese bestätigt mir Fortschritt, Entwicklung, eine gute Bildung. Oder zumindest eine bessere Bildung als die, die eine Mehrheit der Bevölkerung erhält. Letzteres mag sogar stimmen, aber meiner Meinung nach qualifiziert mich das allein keineswegs. Meine Arbeit könnte auch jemand anderes machen, der studiert hat, und dadurch geeigneter dafür wäre.
Nicht zu letzt deswegen liegt der Schwerpunkt meines Jahres für mich auf etwas anderem als Arbeit. Ich bemühe mich, tiefer in die Kultur ein zu blicken, neue Dinge zu lernen, manches, aber nicht alles zu vergleichen, und wenn ich es tue, andere Maßstäbe an zu legen. Mein deutsches Auge darf sich ausruhen, und ich versuche Dinge aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Natürlich spielt die Arbeit nach wie vor eine Rolle. Die Erfahrungen die ich mache sind für mich prägend, ich lerne neue Methoden, ich beschäftige mich mit neuen Themen, mit Politik und Geschichte. Ich lebe und lerne. Und habe ebenso die Möglichkeit, etwas bei zu bringen. Nicht nur innerhalb des Unterrichts, sondern, und das ist viel Schöner, innerhalb meines Lebens. Ich erzähle von mir, meinen Ansichten, und was sie geprägt hat, und mache die Erfahrung, dass Andere daraus etwas für sich mitnehmen können. Und die Zeit beginnt bereits, in der Menschen feststellen, wie bedeutsam der Austausch von Werten und das Bemühen um das Verständnis (einer Kultur) ist. Denn wo man etwas nicht nur oberflächlich verstanden hat, sondern Facetten, Situationen und Lebensinhalte berücksichtigend, da entsteht eine Grundlage für Hilfe. Nicht nur für einseitige Hilfe von golablem Norden zu globalem Süden, sondern für gegenseitige Hilfe und gegenseitige Akzeptanz der Tatsache, dass jeder etwas dazu lernen kann. Ich bin Lehrerin und Lernende. Das ist der Job den ich hier mache, und der hört nicht auf wenn ich um Fünf nach Hause gehe.
Meine Arbeit ist außerdem auch, dieses Gelernte weiter zu tragen, davon zu erzählen. „Ich bin Botschafterin“ nicht nur als Deutsche in Ruanda, sondern aus Ruanda für Deutschland.
Der Dienst den ich machen darf, ist ein wirkliches Privileg. Es ist nicht selbstverständlich, dass jemand mit meiner Ausbildung (also keiner), meinem Alter (die jüngste unter den Kollegen, bébé, das Kind) und meiner Kenntnis des Landes (ebenfalls gering) meine Arbeit verrichten darf .

Zurück zu meiner Begegnung. Auf etwas möchte ich noch aufmerksam machen. Meine Erwartungshaltung. Von Anfang an hatte ich das Gefühl, der Mann würde mich um Geld bitten. Das hat meine Einstellung ihm gegenüber maßgeblich beeinflusst. Direkt zu Beginn war ich verschlossen, etwas mürrisch und hatte eigentlich keine Lust auf die Unterhaltung. Ich habe in einem der letzten Blogeinträge geschrieben, wie mein Entgegenkommen meine Mitmenschen beeinflussen kann, und ihr Bild von mir (bzw. anderen Weißen). Hier habe ich ebenso beeinflusst, aber negativ.

Zu Guter letzt...
Für viele von euch mag dieser Satz des Manns dennoch sehr verletzend, vielleicht sogar fremdenfeindlich wirken. Das ist keine Aussage, die ich bestätigen würde, und kein Bild, das ich erzeugen will. Der Mann hat in diesem Augenblick nicht zuerst das Weiße Mädchen gesehen und gemeint sondern eine gutverdienende Freiwillige, die ihren Reichtum nicht teilen will. Ich glaube, ihm war egal, ob ich Deutsche, Kenyanerin oder Ruanderin war – er wollte nur seinem Frust Luft machen. Auch wenn ich in diesem Augenblick getroffen war, hat mir diese Begegnung doch irgendwie geholfen, mich zu besinnen. Natürlich war es keine schöne, letztendlich aber auch keine durchweg schlechte Erfahrung, denn sie hat mir geholfen mein eigenes Verhalten zu reflektieren. Und im Endeffekt freue ich mich selbstverständlich immer mehr darüber, wenn ich als Fremde freundlich aufgenommen werde, als vor den Kopf gestoßen oder angegriffen zu werden. (Und selbstverständlich werde ich so von nahezu Allen denen ich begegne aufgenommen.)
So geht es übrigens bestimmt auch Ausländer_innen in Deutschland. ;)

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